Die Demokratisierung der Private Markets

Wie 3 Billionen Dollar an privatem Kapital die Branche neu ordnen

14.04.2026 | JURCO-Blog

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Über Jahrzehnte galt Private Equity als exklusive Domäne großer Pensionskassen, Staatsfonds und Stiftungen. Privatanleger? Ausgeschlossen. Family Offices? Nur am Rand beteiligt. Das ändert sich gerade und zwar dramatisch.


Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: Individuelle Investoren und Family Offices kontrollieren rund 50 % des globalen Vermögens, stellen aber bisher nur 16 % des Kapitals in Private Markets. Diese Lücke wird gerade geschlossen. BCG beziffert das zusätzliche Kapital, das bis 2030 aus privaten Quellen in die Private Markets fließen wird, auf 3 Billionen US-Dollar. Bain spricht sogar von 14 Billionen über die nächste Dekade.

„Was als Nische begann, wird zum Massenmarkt und das mit allen Chancen und Risiken.“

Von 7 auf 15 Billionen in fünf Jahren

Die Private Markets haben eine beispiellose Expansion durchlaufen. Laut McKinsey stieg das globale AUM (global assets under manangement) von 7,4 Billionen USD (2019) auf 13,1 Billionen (2023). Ende 2024 lag das Volumen laut S&P Global bei rund 15 Billionen. Preqin prognostiziert 32 Billionen bis 2030 über alle alternativen Anlageklassen hinweg.

 

Doch hier wird es interessant: Während klassische Closed-End-Fonds 2024 einen Fundraising-Einbruch von 24 % auf 589 Milliarden USD verzeichneten (der tiefste Stand seit 2016), wachsen semi-liquide Vehikel und Evergreen-Strukturen mit 18–20 % jährlich. Das Kapital fließt weiter. Es nimmt nur neue Wege.

 

Die Investorenbasis kippt. Bain schätzt, dass 60 % des zukünftigen AUM-Wachstums aus Private Wealth und Staatsfonds kommen werden. Die durchschnittliche Allokation individueller Investoren in Private Markets liegt heute bei lediglich 3 %. Zum Vergleich: Pensionskassen allozieren 23 %, Stiftungsfonds 57 %. Das Aufholpotenzial ist enorm und es wird bereits realisiert.

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Abb. 1: Globale Private Markets AUM und Entwicklung des Retail-Anteils 2020-2030

Die Retail-Offensive der Billionen-Dollar-Manager

Kein Unternehmen verkörpert den Wandel stärker als Blackstone. In nur fünf Jahren hat der Marktführer sein Private-Wealth-Geschäft von rund 100 Milliarden auf über 300 Milliarden USD verdreifacht. Über 40.000 Finanzberater verkaufen inzwischen Blackstone-Produkte. Ein 300-köpfiges Team betreut den Vertriebskanal exklusiv.

 

Und hier wird es spannend: Blackstone beansprucht rund 50 % Marktanteil im gesamten Wealth-Segment der Private Markets. Das Flaggschiff BREIT (Real Estate) wuchs auf 70 Milliarden USD. BCRED (Private Credit) ist mit 67,9 Milliarden der weltweit größte Private-Credit-Fonds. BXPE (Private Equity, gestartet Januar 2024) sammelte bereits 18 Milliarden in zwei Jahren ein.

 

Die Wettbewerber ziehen nach. KKRs K-Series vervierfachte sich binnen zwölf Monaten von 3 auf 11 Milliarden USD und durch die Partnerschaft mit Capital Group (2,8 Billionen AUM) bekommt KKR Zugang zum US-Retirement-Markt. Apollos AAA-Fonds steht bei 24,2 Milliarden. Das Fünfjahresziel: 150 Milliarden im Wealth-Kanal. Der „Wealth Channel“ (oder Privatkundenkanal) beschreibt hierbei eine strukturelle Transformation in den Privatmärkten, bei der Anlageklassen wie Private Equity, Private Debt, Immobilien und Infrastruktur zunehmend für vermögende Privatanleger und den Massenmarkt zugänglich gemacht werden. In Europa verwaltet Partners Group 52 Milliarden in Evergreen-Strukturen, EQT sammelte allein im ersten Halbjahr 2025 über 500 Millionen Euro ein.

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Abb. 2: AUM der führenden demokratisierten Private-Markets-Produkte (2024/2025)

Family Offices: Die stille Macht hinter dem Boom

Während die Schlagzeilen Blackstone und KKR feiern, vollzieht sich abseits der Öffentlichkeit eine zweite, mindestens ebenso bedeutsame Verschiebung. Die Zahl der Single Family Offices stieg laut Deloitte von 6.130 (2019) auf 8.030 (2024), was einem Zuwachs von 31 % entspricht. Bis 2030 werden 10.720 Family Offices erwartet, die gemeinsam 5,4 Billionen USD verwalten.

 

Die Allokationsmuster sind eindeutig: 44 % der Family-Office-Portfolios fließen laut UBS Global Family Office Report 2025 in Alternatives. Private Equity ist mit 21 % der größte Einzelposten und hat damit erstmals öffentliche Aktien als wichtigste Anlageklasse überholt. Private Debt verdoppelte sich von 2 % (2023) auf 4 % (2024).

 

Besonders auffällig: Der Trend zu Direktinvestitionen. Zwei Drittel aller Family Offices tätigen heute direkte PE-Investments. 62 % dieser Investoren tätigten in den vergangenen zwölf Monaten mindestens sechs Direkttransaktionen. Das erhöht den Wettbewerb um attraktive Deals und treibt die Bewertungen weiter nach oben.

Europas ELTIF-2.0-Moment und Deutschland als Wachstumsmarkt

Europas Antwort auf die Demokratisierung heißt ELTIF 2.0, in Kraft seit Januar 2024. Die Reform war ein regulatorischer Befreiungsschlag: Die Mindestanlage von 10.000 Euro wurde abgeschafft, der 10-%-Portfolio-Cap für Kleinanleger entfiel, semi-liquide Strukturen sind nun zulässig.

Das Ergebnis spricht für sich: Bis Ende 2024 existierten 150 ELTIFs mit 20,5 Milliarden Euro AUM ein Plus von 38 % im Jahresvergleich. Allein 2024 wurden 55 neue ELTIFs aufgelegt, mehr als doppelt so viele wie im bisherigen Rekordjahr 2021. Scope prognostiziert 150–200 Milliarden Euro bis 2028.

 

Deutschland positioniert sich als zentraler Wachstumsmarkt. Die deutschen ELTIF-Bestände stiegen 2024 um 40 % auf 2,8 Milliarden Euro. Commerz Reals KlimaVest gehört mit über 1,5 Milliarden Euro AUM zu den drei größten ELTIFs weltweit. Die Berliner Plattform Moonfare verwaltet inzwischen 3,7 Milliarden Euro. 2025 dürfte Deutschland Italien als größter nationaler ELTIF-Markt ablösen.

Wenn Demokratisierung zur Überhitzung wird

Doch hier ist der Haken: Je mehr Kapital in Private Markets fließt, desto schwieriger wird es, dieses Kapital profitabel zu investieren. Das globale Dry Powder (zugesagtes, aber noch nicht investiertes Kapital) erreichte Mitte 2024 den Rekordwert von 2,62 Billionen USD. Über alle Private-Capital-Fonds hinweg summieren sich die Reserven auf 4,63 Billionen.

 

Dieses Kapital muss arbeiten und treibt die Preise. Die mediane PE-Kaufpreismultiple stieg 2025 laut McKinsey auf 11,8x EBITDA, ein historisches Hoch. Bei Großtransaktionen über 500 Millionen liegt der Durchschnitt bei 15,8x. Parallel stauen sich rund 16.000 Portfoliounternehmen in den Bilanzen der Fonds, die bereits seit über vier Jahren gehalten werden, ein Rekord.

 

Das BREIT-Debakel 2022/2023 lieferte die Blaupause für das, was schiefgehen kann. Als die Rücknahmeanträge die Monats- und Quartalsgrenzen überschritten, musste Blackstone Gating einführen. Im Januar 2023 erreichten die Anfragen 5,3 Milliarden in einem einzigen Monat. Erst im Februar 2024 konnten erstmals wieder 100 % der Rücknahmen bedient werden. Starwood REIT erlebte eine noch schärfere Krise. Der NAV fiel um 40 %, die monatliche Rücknahmegrenze liegt heute bei 0,33 %.

„Semi-liquide Produkte können in Stressphasen faktisch illiquide werden.“

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Abb. 3: Prognose bis 2030 – Retail-Kapital wächst mit 27 % p.a., Institutionelles mit 13 %

Key Take-aways

1. Der Strukturwandel ist real und irreversibel. 

Die technische und regulatorische Infrastruktur ist gebaut. Allein das US-Retail-Kapital in alternativen Strukturen verdoppelte sich von 92 Milliarden (2023) auf 204 Milliarden (2025).

 

2. Die Machtverschiebung begünstigt die größten Player. 

Blackstone, Apollo, KKR und Partners Group kontrollieren den Löwenanteil des Retail-Kapitals. Skaleneffekte, Markenvertrauen und Vertriebsnetzwerke entscheiden über Marktanteile.

 

3. Europa holt auf, Deutschland wird zum Schlüsselmarkt. 

ELTIF 2.0 hat in einem Jahr mehr Dynamik erzeugt als ELTIF 1.0 in acht. Mit 150–200 Milliarden Euro bis 2028 etabliert sich Europa als zweiter Wachstumsmarkt neben den USA.

 

4. Family Offices sind der unterschätzte Katalysator. 

8.030+ Offices, 44 % Alternatives-Quote, 5,4 Billionen USD prognostiziertes AUM bis 2030. Der Shift zu Direktinvestments verändert ganze Subsegmente.


5. Die Überhitzungsrisiken sind konkret. 

Rekord-Dry-Powder von 4,6 Billionen, Kaufpreismultiples auf 11,8x EBITDA, Portfolio-Stau von 3,6 Billionen unrealisiertem Wert. Die Kombination aus steigendem Retailkapital, NAV-Lag und Sektorkonzentration schafft Verwundbarkeiten, die bei einem Marktschock asymmetrisch auf unerfahrene Anleger durchschlagen könnten.

Das Fazit: Die Demokratisierung der Private Markets ist eine der bedeutendsten strukturellen Veränderungen in der Vermögensverwaltung seit der Einführung von ETFs. Sie diversifiziert die Kapitalbasis und schafft langfristig stabilere Finanzierungsstrukturen. Doch die Renditen der Vergangenheit entstanden in einem Umfeld mit weniger Kapital, niedrigeren Multiples und besserer Fund-Selection.

Quellen:

McKinsey Global Private Markets Review 2025/2026 · Bain & Company Global PE Report 2025 · BCG Global Asset Management Report 2025 · UBS Global Family Office Report 2025 · Preqin Private Markets in 2030 · Deloitte Family Office Insights 2024 · Scope Fund Analysis ELTIF-Studie 2025 · S&P Global · PwC Global AWM Report 2025 · Blackstone, KKR, Apollo SEC Filings· ESMA · Cerulli Associates · Hamilton Lane Advisor Survey 2026.

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