Der Nahostkonflikt und die Weltwirtschaft

Wie der Krieg die globalen Märkte erschüttert

16.04.2026 | JURCO-Blog

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Die Ausgangslage: Ein Schock für die Weltwirtschaft

Am 28. Februar 2026 begann mit den koordinierten US-israelischen Militärschlägen gegen den Iran eine neue Phase der geopolitischen Eskalation im Nahen Osten. Was folgte, war eine Kettenreaktion mit weitreichenden ökonomischen Konsequenzen: Die Schließung der Straße von Hormus (einer der wichtigsten Handelsrouten der Welt), durch die rund 20 % des weltweit gehandelten Erdöls und verflüssigten Erdgases (LNG) transportiert werden, hat einen Energieschock ausgelöst, der die Weltwirtschaft in ihren Grundfesten erschüttert.


Der Internationale Währungsfonds (IWF) hat in seinem am 14. April 2026 veröffentlichten World Economic Outlook seine Prognose für das globale Wachstum deutlich nach unten korrigiert: von 3,3 % (Januar-Prognose) auf nur noch 3,1 % für das laufende Jahr. Ohne den Konflikt hätte der IWF die Prognose sogar auf 3,4 % angehoben, getragen von einem Technologie-Investitionsboom, niedrigeren Zinsen und nachlassenden US-Zöllen.


IWF-Chefökonom Pierre-Olivier Gourinchas warnte unmissverständlich: Was sich am Golf abspielt, sei „potenziell sehr viel größer“ als die wirtschaftlichen Auswirkungen der US-Zollpolitik im vergangenen Jahr. In einem sogenannten „Severe Scenario“ könnte das globale Wachstum auf unter 2 % fallen. Ein Niveau, das seit 1980 nur viermal erreicht wurde, zuletzt während der globalen Finanzkrise 2008 und der COVID-19-Pandemie.

Der Ölpreis: Eine Achterbahnfahrt mit historischen Ausmaßen

Die unmittelbarste Auswirkung des Konflikts zeigt sich am Ölmarkt. Brent-Rohöl notierte vor dem Kriegsausbruch bei rund 72 USD pro Barrel. In den Wochen danach schoss der Preis auf ein Vierjahreshoch von über 126 USD. Ein Anstieg von mehr als 64 % innerhalb eines Monats. Mitte April liegt Brent bei rund 102 USD und bleibt damit deutlich über dem Vorkrisenniveau.


Die Ursache liegt in der massiven Angebotsverknappung: Die Schließung der Straße von Hormus hat zu einem Ausfall von rund 10 Millionen Barrel pro Tag geführt. Die größte Versorgungsunterbrechung in der Geschichte des globalen Ölmarktes. Zusätzlich wurden durch iranische Drohnenangriffe auf Katars Ras-Laffan-Terminal, die weltweit größte LNG-Verflüssigungsanlage und verantwortlich für 20 % der globalen LNG-Produktion, auch die Gasmärkte massiv getroffen.

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Abb. 1: Brent Crude Oil in USD/Barrel Jan 2025 – Apr 2026 

IWF-Prognosen: Globales Wachstum unter Druck

Der IWF hat seine Wachstumsprognosen für nahezu alle großen Volkswirtschaften nach unten revidiert. Besonders drastisch ist die Revision für den Iran selbst: Statt eines leichten Wachstums von 1,1 % wird nun ein Einbruch von -6,1 % erwartet. Eine Korrektur um 7,2 Prozentpunkte. Saudi-Arabien wurde von 4,5 % auf 3,1 % herabgestuft, die USA von 2,7 % auf 2,4 %, die Eurozone von 1,0 % auf 0,9 % und Deutschland von 0,3 % auf
magere 0,1%.

 

Auch der Welthandel leidet:
Der IWF erwartet ein Wachstum des globalen Handelsvolumens von nur noch 2,8 % gegenüber 5,1 % im Vorjahr. Neben den direkten Folgen des Konflikts wirken sich auch die weiterhin bestehenden US-Zölle sowie die Umstrukturierung globaler Lieferketten belastend aus.

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Abb. 2: Reales BIP-Wachstum in %, IWF WEO Januar vs. April 2026

Inflation: Energiepreise als Treiber einer neuen Welle

Der Energiepreisschock schlägt unmittelbar auf die Inflationsraten durch. Der IWF hat seine globale Inflationsprognose für 2026 von 3,8 % auf 4,4% angehoben, ein Anstieg um 0,6 Prozentpunkte. In der Eurozone sprang die jährliche Inflationsrate im März auf 2,5 %, getrieben durch einen Anstieg der Energiepreise um 4,9 % gegenüber dem Vorjahr. 

 

 

Für das zweite Quartal wird ein weiterer Anstieg auf 3,1 % erwartet. In den USA hat die Fed ihre PCE-Inflationsprognose (Personal Consumption Expenditures – das bevorzugte Inflationsmaß der US-Notenbank) von 2,4 % auf 2,7 % angehoben. Damit rückt das Inflationsziel von 2 % wieder in weitere Ferne. Deutschland verzeichnet einen ähnlichen Trend: Die Inflationsrate dürfte von 2,2 % im Jahr 2025 auf rund 3,0 % im laufenden Jahr steigen.

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Abb. 3: Inflationsrate in % | 2025 vs. IWF-Prognosen 2026

Zentralbanken im Dilemma: Zwischen Inflation und Wachstum

Die Zentralbanken stehen vor einem klassischen geldpolitischen Dilemma. Einerseits treibt der Energiepreisschock die Inflation, was eine straffere Geldpolitik nahelegen würde. Andererseits bremst der Schock das Wirtschaftswachstum, was wiederum Zinssenkungen rechtfertigen könnte. Dieses Spannungsfeld wird als Stagflation bezeichnet: Eine Situation, in der eine Volkswirtschaft gleichzeitig unter hoher Inflation und schwachem Wachstum leidet.

 

Die Europäische Zentralbank (EZB) hat ihre Leitzinsen vorerst unverändert belassen. Der Hauptrefinanzierungssatz liegt bei 2,15 %, der Einlagenzins bei 2,0 %. Analysten von Oxford Economics erwarten, dass die EZB die Zinsen im laufenden Jahr nicht weiter senken wird. Die Märkte preisen zunehmend ein Stagflationsszenario ein. Die US-Notenbank Federal Reserve (Fed) hält den Leitzins bei 3,50 – 3,75 % und signalisiert vorläufig nur eine weitere Zinssenkung in diesem Jahr. Bemerkenswert: In den Sitzungsprotokollen vom März zeigten sich mehr Fed-Mitglieder bereit, eine Zinserhöhung in Betracht zu ziehen. Ein klares Signal, dass die Inflationssorgen durch die steigenden Energiepreise zunehmen.

Assetklassen im Vergleich: Gewinner und Verlierer

Die Verwerfungen am Energiemarkt haben eine klare Divergenz zwischen den Assetklassen erzeugt. Während Rohstoffe deutlich zulegten, stehen Aktienmärkte und risikoreichere Anlagen unter Druck. Brent-Rohöl führt die Performance-Rangliste mit einem Plus von rund 40 % seit Jahresbeginn an. Gold verzeichnete einen Zuwachs von 8,3 % im ersten Quartal und erreichte zeitweise ein Allzeithoch von 5.600 USD je Unze. Allerdings kam es im März zu einem unerwarteten Ausverkauf, da Investoren Liquidität suchten. Ein Muster, das auch während der Finanzkrise 2008 und dem COVID-Schock beobachtet wurde. J.P. Morgan prognostiziert einen Goldpreis von 6.300 USD bis Jahresende. 

 

Auf der Verliererseite steht der US-Aktienmarkt: Der S&P 500 verlor zeitweise rund 6,7 % seit Jahresbeginn, der Nasdaq sogar 9,2 %. Auch Emerging Markets gerieten mit -8,5 % deutlich unter Druck. Der DAX 40 hielt sich mit einem leichten Plus von 1,1 % vergleichsweise stabil.

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Abb. 4: Performance seit Jahresbeginn in % | Stand: Mitte April 2026

Europa im Fokus: Stagflationsrisiken für Deutschland und die Eurozone

Für Europa ist die Lage besonders heikel. Die EZB warnte, dass ein längerer Konflikt eine Phase der Stagflation auslösen könnte, die energieabhängige Volkswirtschaften wie Deutschland und Italien bis zum Jahresende in eine technische Rezession (zwei aufeinanderfolgende Quartale mit negativem Wachstum) treiben könnte. Europa bezieht 12 bis 14 % seines LNG aus Katar durch die Straße von Hormus. Der Ausfall dieser Lieferungen trifft Europa inmitten einer bereits fragilen Konjunkturlage.

 

Deutschlands ohnehin schwaches Wachstum welches der IWF für 2026 nur noch auf 0,1 % schätzt, steht durch die steigenden Energiekosten und die dämpfende Wirkung auf die exportorientierte Industrie zusätzlich unter Druck.

Key Take-aways

Globales Wachstum abgestuft: Der IWF hat die Prognose von 3,3 % auf 3,1 % gesenkt. In einem Extremszenario droht ein Wachstum unter 2 % – faktisch eine globale Rezession.

 

Historischer Energieschock: Die Schließung der Straße von Hormus hat mit einem Ausfall von rund 10 Mio. Barrel/Tag die größte Versorgungsunterbrechung in der Geschichte des Ölmarktes verursacht. Brent stieg zeitweise um 64 % auf über 126 USD.

 

Inflation steigt wieder: Die globale Inflationsprognose wurde auf 4,4 % angehoben. In der Eurozone wird ein Anstieg auf 3,1 % im Q2 erwartet, in den USA liegt die PCE-Prognose bei 2,7 %.

 

Zentralbanken im Spagat: EZB und Fed halten die Zinsen stabil. Die Fed erwägt sogar Zinserhöhungen was ein Signal für die Ernsthaftigkeit der Inflationssorgen ist. Das Stagflationsrisiko steigt.

 

Rohstoffe profitieren, Aktien leiden: Öl (+40 %) und Gold (+8,3 %) führen die Performance-Rangliste an, während der S&P 500 (-6,7 %) und Emerging Markets (-8,5 %) unter Druck stehen.

 

Europa besonders verwundbar: Energieabhängigkeit und schwaches Wachstum machen Deutschland und Italien anfällig für eine technische Rezession bis Jahresende.

Quellen:

IWF – World Economic Outlook, April 2026 · IWF – Press Briefing Transcript, Spring Meetings 2026 · EIA – Short-Term Energy Outlook, April 2026 · EZB – Monetary Policy Decisions, März 2026 · Federal Reserve – FOMC Statement & Projections, März 2026 · Bloomberg – Oil Price Data, April 2026 · IEA – Global Oil Demand Report, April 2026 · Goldman Sachs – Global Macro Outlook 2026 · Al Jazeera – IMF Cuts Global Growth Forecast, April 2026 · Wikipedia – Economic Impact of the 2026 Iran War

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